Ethik und das Recht des Stärkeren

Ist das Recht des Stärkeren mit Ethik vereinbar? Die meisten Menschen werden das wohl verneinen. Dennoch praktizieren sie alltäglich dieses  vermeintliche Recht des Stärkeren, nämlich dann, wenn sie zur Ernährung, Kleidung usw. Tiere benutzen oder verbrauchen. Oft geht es hierbei gar nicht um Lebensnotwendigkeiten, sondern einfach um mehr Lebensgenuss.

Dieses ethisch fragwürdige, ja verwerfliche Verhalten, lässt sich auch durch die Wissenschaft nicht überzeugend rechtfertigen, denn selbst dort zeigt sich immer deutlicher, dass es keine eindeutigen Grenzen zwischen Mensch und Tier gibt. In ihrem Fühlen und Denken kommen die Tiere dem Menschen erstaunlich nahe, mitunter sind sie ihm sogar überlegen. Was unterscheidet dann noch, abgesehen von Äußerlichkeiten, Mensch und  Tier? Diese Frage stellen sich zunehmend mehr Wissenschaftler und kommen dabei immer mehr zur Überzeugung, dass zwischen Mensch und Tier kein absoluter, sondern nur ein gradueller Unterschied besteht.

Anders hingegen die bei uns vorherrschenden Religionen: Nach deren  Dogmen hebt sich der Mensch als beseeltes Wesen grundsätzlich vom Tier ab. Das Tier ist mehr oder weniger nur eine belebte Sache, die von Gott dem Menschen, der „Krone der Schöpfung”, zum Ge- und Verbrauch zur Verfügung gestellt wurde. Damit wird die Ausbeutung der Tiere, einschließlich ihrer Tötung, gewissermaßen als göttlich verliehenes Recht  religiös legitimiert. Im Gegensatz hierzu sehen die aus Indien stammenden Religionen ( Jainismus , Buddhismus , Hinduismus / Upanishaden ) alles Leben grundsätzlich als göttlich oder, soweit sie atheistisch sind, als mit dem Menschen wesensgleich an.

Geistige Überlegenheit ist selbstverständlich kein Rechtfertigungsgrund, um andere Menschen auszubeuten, sie gesundheitlich zu schädigen oder zu  töten. Wenn es jedoch „nur” um Tiere geht, wird das, und zwar ebenso selbstverständlich, weithin akzeptiert. Im Grunde handelt es sich hier um eine durch und durch anthropozentrische, also letztlich egoistische „Moral“, bei der allein der Mensch das Maß aller Dinge ist. Dazu ein Beispiel, das ich für sehr aufschlussreich halte:

Mit gewaltigem finanziellen Aufwand wird in der Weltraumforschung nach außerirdischem, vor allem intelligentem  Leben gesucht. Sollte man dabei tatsächlich auf „Außerirdische” stoßen, die der Menschheit geistig und technisch überlegen sind, dann wird natürlich vorausgesetzt, dass man sich mit ihnen irgendwie arrangieren könne. Aber warum, so ist zu fragen, sollten sich diese überlegenen Wesen darauf einlassen und nicht, wie es die Menschen mit den Tieren tun, rücksichtslos vom Recht des Stärkeren Gebrauch machen?

Wenn mir solche Fragen durch den Kopf gehen und ich daran denke, wie skrupellos und gewalttätig die Menschen mit den ihnen unterworfenen, völlig hilflosen Tieren umgehen, dann fällt es mir schwer, noch an die vielgepriesene „Herrschaft des Rechts” zu glauben – es sei denn, man meint hiermit das Recht des Stärkeren.

Wahre Ethik kann nicht auf dem Recht des Stärkeren gegründet sein. Im Gegenteil, zu ihr gehört vor allem die Achtung vor dem Recht des Schwächeren. Die Schwächsten unserer Gesellschaft sind aber, weil gänzlich ohne Rechte, die Tiere. Ob sich hieran trotz aller Bemühungen engagierter Tierrechtler in absehbarer Zukunft etwas ändern wird, erscheint mir ziemlich ungewiss, denn dazu müsste sich die Einstellung in breiten Schichten der Bevölkerung  grundlegend wandeln. Arthur Schopenhauer , der wohl erste weltbedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich für Tierrechte einsetzte, schrieb schon vor mehr als 150 Jahren:

Erst, wenn jene einfache und über alle Zweifel erhabene Wahrheit, dass die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind wie wir, ins Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehen und demnach der bösen Laune und Grausamkeit jedes rohen Buben preisgegeben sein.
( Arthur Schopenhauer , P II , S. 403)
B

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