Schopenhauer : Mitleid und Charakter

Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, dass man zuversichtlich behaupten darf, wer  gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.

Dieses Zitat ist aus Schopenhauers “Preisschrift über die Grundlage der Moral” (> E , S. 242). Arthur Schopenhauer begründet dort, und zwar für mich sehr überzeugend, warum wahre Ethik auf Mitleid beruht. Hierbei geht es nicht wie bei manchen anderen weltweit bekannten Philosophen nur um Menschen, sondern um eine Mitleidsethik, die auch Tiere berücksichtigt.

Aus obigem Zitat geht deutlich hervor, dass Mitleid engstens mit dem  Charakter des Menschen verbunden  ist.  Sind Menschen Tieren gegenüber mitleidlos, so ist das keine Äußerlichkeit, sondern ein schwerwiegender Charakterfehler. Kann dieser behoben werden, kann der Mensch sich bessern?

Schopenhauer war der Überzeugung, dass der Charakter angeboren und im wesentlichen nicht veränderbar sei. Ehe man, so meinte Schopenhauer,  durch die Erfahrung belehrt werde, glaube man “kindisch”, man könne durch “vernünftige Vorstellungen, durch Bitten und Flehen, durch Beispiel und Edelmut” einen Menschen dahin bringen, “dass er von seiner Art lasse, seine Handlungsweise ändere, von seiner Denkungsart abgehe” (> W I , S. 359). Wenn sich dennoch das Verhalten eines Menschen ändere, so beruhe das nicht auf eine Änderung seines Charakters, sondern auf dem, was Schopenhauer “Motive” nannte.

Solche Motive sind beispielsweise zu erwartende Vor- oder Nachteile, Belohnungen oder Strafen, die Menschen veranlassen können, dieses oder jenes zu tun oder zu unterlassen. Der mehr oder minder egoistische oder altruistische Charakter des Betreffenden bleibt dabei unverändert. Wenn etwa in Indien  heilige Kühe nicht geschlachtet werden, so muss das nicht immer nur auf Mitleid beruhen, sondern wohl auch auf dem Glauben der Hindus, dass die Tötung dieser Tiere schlechtes Karma erzeuge, was zu einer ungünstigen Wiedergeburt führe. 

Durch bittere Enttäuschungen, die ich gerade auch im Zusammenhang mit meiner Tierschutzarbeit erleben musste, habe ich mich im Laufe der Jahre dieser Auffassung Schopenhauers mehr und mehr angenähert. Heute weiß ich, wie wenig Sinn es hat und welche Zeitverschwendung es bedeutet, Menschen von der Notwendigkeit des Tierschutzes zu überzeugen, wenn diesen jegliches Mitgefühl für Tiere fehlt.

So beschränke ich mich darauf, Menschen anzusprechen, von denen ich den Eindruck habe, dass ihnen das  furchtbare Leid der Tiere nicht völlig gleichgültig ist. Dadurch kann ich zwar nicht den Charakter der Angesprochenen ändern, aber ich sehe dabei die durchaus realistische Chance, ihnen “Motive” im Sinne Schopenhauers nahe zu bringen, also sie durch Informationen zu motivieren, Tiere zu schützen. Die Existenz von Tierschutzvereinen und Tierheimen, die ihre Arbeit aus Spenden finanzieren, beweist: Es gibt Mitleid mit Tieren – leider immer noch zu wenig, aber immerhin so viel, dass Tieren geholfen wird.
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3 Gedanken zu “Schopenhauer : Mitleid und Charakter

  1. Auch im Hinblick darauf, dass leider Menschen immer noch hungern, halte ich es durchaus nicht für zynisch, sich für das Recht der Tiere einzusetzen. Wer als Tierrechtler sich z. B. vegan ernährt und sich gegen die Massentierhaltung wendet, tut weit mehr gegen den Hunger in der Welt als diejenigen, die nur hemmungslos Fleisch konsumieren. Ich denke hierbei daran, wieviel mehr Nahrungsmittel für hungernde Menschen hätten erzeugt werden können, wenn nicht stattdessen riesige Mengen von Futtermitteln für die Schlachttierhaltung verwendet würden.

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  2. An JApostata. Von dem Gedanken halte ich gar nichts, weil er an der Aussage vorbei geht und schlecht durchdacht ist. Weil Menschen darben, muss ich nicht grausam gegen Tiere sein und wenn Menschen darben, dann kann ich mich trotzdem für Tiere einsetzen. Warum sollte sich beides ausschließen? Alles in allem schlechte „Denke“, ihr Kommentar.

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