Tierethik und Schopenhauers Mitleidsethik

    „Gränzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen“, so erklärte Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral, „ist der festeste und sicherste Bürge für sittliches Wohlverhalten … Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig Keinen verletzen, Keinen  beeinträchtigen, Keinem wehe thun, … Jedem helfen so viel  er vermag.“(1)

    Es werde, schrieb Schopenhauer, „Jedem einleuchten, daß zu möglichster Linderung der zahllosen und vielgestalteten Leiden, denen unser Leben ausgesetzt ist und welchen Keiner ganz entgeht, wie zugleich als Gegengewicht des brennenden Egoismus, der alle Wesen erfüllt … die Natur nichts Wirksameres leisten konnte, als daß sie in das menschliche Herz jene wundersame Anlage pflanzte, vermöge welcher das Leiden des Einen vom Andern mitempfunden wird, und aus der die Stimme hervorgeht, welche, je nachdem Anlaß ist, Diesem Schone!  Jenem Hilf! stark und vernehmlich zuruft“(2).

    Deshalb beruhe das Mitleid, wie  Schopenhauer in seiner Preisschrift überzeugend begründete, nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst“.(3)

    Für Schopenhauer war das Mitleid  die „ächte und natürliche moralische Triebfeder“(4). Das gilt auch für die Tierethik: Da „echte“ Ethik laut Schopenhauer auf dem Mitleid beruht und nicht egoistisch motiviert sein darf, ist, soweit es um Tiere geht, Tierethik stets Mitleidsethik.

    Wie sehr Schopenhauer in seine Mitleidsethik die Tiere einbezog, zeigt sich auch in den Worten,  mit denen er die damals (und leider bis heute) vorherrschende, nur auf den Menschen bezogene Moral anprangerte: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Tiere in ihren Schutz nimmt, für welche in den andern Europäischen Moralssystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist. Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn , daß unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral, heißt, daß es gegen Tiere keine Pflichten gebe, ist eine geradezu empörende Rohheit und Barbarei.“(5)

    Die Ursache von Rohheit und Barbarei liegt im Mangel an Mitgefühl. Die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, ist eine Charaktereigenschaft, die – sofern überhaupt vorhanden – tief in der Persönlichkeit des Menschen angelegt ist und sich auch in seinem Verhalten zu Tieren auswirkt. Daher kam Schopenhauer zu dem Schluss:

    „Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.“(6)

    Übrigens, Arthur Schopenhauer gehörte zu den ersten Mitgliedern des 1841 gegründeten Frankfurter Tierschutzvereins. Dessen Arbeit beruht,  wie die wohl aller Tierschutzvereine, auf Mitleidsethik, denn hätte die Natur nicht das Mitleid in das menschliche Herz gepflanzt, es gäbe weder Tierschutzvereine noch Tierethik.

H.B.

Zitatquellen: Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977,  Band VI,  Preisschrift über die Grundlage der Moral, zu:
(1) S. 275, (2) S. 284 f., (3) S. 252, (4) S. 252, (5) S. 278, (6) S. 281.

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Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer (1788-1860)

        

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