Kant , Schopenhauer und die Tiere

Kant , so schrieb Arthur Schopenhauer,” ist ein großer Geist, dem die Menschheit unvergessliche Wahrheiten verdankt” und „vielleicht der originellste Kopf, den jemals die Natur hervorgebracht hat“. Seine Philosophie wäre „die wichtigste Lehre, welche seit 2000 Jahren aufgestellt worden” sei. Deshalb ist es verständlich, wenn das Hauptwerk von Kant, nämlich „Kritik der reinen Vernunft”, zu einer der Grundlagen für Schopenhauers Philosophie wurde. Doch das hinderte Schopenhauer keineswegs daran, dort, wo er es für notwendig hielt, Kant zu kritisieren, ja zu „rügen”. Ein Beispiel hierfür ist Kants Einstellung zu den Tieren, welche damit zusammenhängt, dass der Vernunft während der Aufklärung, also der Zeit Kants, besonderer Wert beigemessen wurde. Für Kant waren Tiere nur vernunftlose Wesen, mit denen man dehalb nach Belieben schalten und walten könne.

Ganz im Gegensatz hierzu stand Arthur Schopenhauer. Er war nicht nur  Tierfreund, sondern gab – als wohl erster weltbekannter westlicher Philosoph der Neuzeit –  in seiner Philosophie eine sehr tiefe Begründung, warum Mensch und Tier sich nicht absolut, sondern allenfalls nur relativ voneinander unterscheiden würden, ja dass sie im Grunde wesensgleich seien.

In seiner „Preisschrift über die Grundlage der Moral” wandte sich  Schopenhauer deutlich gegen Kants Ethik. Dessen Satz, „dass die vernunftlosen Wesen (also die Tiere) Sachen wären und daher auch bloß als Mittel, die nicht zugleich Zweck sind, behandelt werden dürften”, so Schopenhauer wörtlich, „beleidigt die echte Moral”.

Hierzu zitierte Schopenhauer aus Kants „Metaphysischen Anfangsgründen der Tugendlehre”, wo ausdrücklich gesagt sei: „Der Mensch kann keine Pflicht gegen irgend ein Wesen haben, als bloß gegen den Menschen” und „Die grausame Behandlung der Tiere ist der Pflicht des Menschen gegen sich selbst entgegen; weil sie das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abstumpft, wodurch eine der Moralität im Verhältnis zu andern Menschen sehr diensame, natürliche Anlage geschwächt wird.”

Schopenhauer kommentierte diese, jeden Tierfreund abstoßenden Äußerungen Kants sehr treffend: „Also bloß zur Übung soll man mit Tieren Mitleid haben, und sie sind gleichsam das pathologische Phantom zur Übung des Mitleids mit Menschen. Ich finde ,… solche Sätze empörend und abscheulich.”

Immanuel Kant starb 1804. Wenige Jahrzehnte danach entstanden in Deutschland die ersten Tierschutzvereine, die ihren Tierschutz oftmals mit einem anthropozentrischen Argument begründeten, das dem von  Kant ähnlich war. Arthur Schopenhauer, der die Gründung von Tierschutzvereinen sehr begrüßte und in einem von ihnen selbst Mitglied war, lehnte derartige anthropozentrische Argumente entschieden ab:

„Die Tierschutzgesellschaften, in ihren Ermahnungen, brauchen immer noch das schlechte Argument, dass Grausamkeit gegen Tiere zu Grausamkeit gegen Menschen führe; – als ob bloß der Mensch ein unmittelbarer Gegenstand der moralischen Pflicht wäre, das Tier bloß ein mittelbarer, an sich eine bloße Sache! Pfui!”

Schopenhauer verwies in diesem Zusammenhang auf Kants Einstellung Tieren gegenüber, so dass – was Tiere angeht – sein „Pfui” sich auch auf die Kantsche Ethik bezog. Hieran zeigt sich, dass Schopenhauers Tierliebe stärker war als die hohe Verehrung, die er ansonsten Kant und dessen Philosophie entgegenbrachte.  

Der „große Kant”, der „große Geist”, wie ihn Schopenhauer nannte, ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass großer Verstand nicht mit großem Mitgefühl, zumindest wenn es sich „nur” um Tiere handelt, verbunden sein muss. Bei Arthur Schopenhauer war beides – großer Scharfsinn und eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie mit Mensch und Tier, was in seiner Mitleidsethik, in der Tiere voll einbezogen sind, zum Ausdruck kommt. Seine Mitleidsethik ist eine wesentliche Ergänzung zu Kants Philosophie. Auch deshalb ist, wie ich meine, Schopenhauers Anspruch, Vollender der Kantschen Philosophie zu sein, auch im Hinblick auf die Tierethik nicht unberechtigt.
hb

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Fressen und Gefressen werden

Diese Welt, so las ich bei Arthur Schopenhauer, ist ein „Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist“.

Hat Schopenhauer mit seiner Diagnose über den Zustand unserer Welt Recht? Ich glaube, er hat da viel Wahres erkannt, weil er die Welt nicht  durch die „rosa-rote Brille” gesehen und dementsprechend beschönigt hat: Überall, wo ich etwas genauer in die Natur schaue, sehe ich ein mörderisches Prinzip am Werk, nämlich Fressen und Gefressen werden.

Auf Fressen und Gefressen werden stoße ich nicht nur in der Natur, sondern auch in der Argumentation mancher Fleischesser. Sie berufen sich auf dieses vermeintliche Naturprinzip, um sich zu rechtfertigen. Sie haben das auch nötig, denn ohne Fleischkonsum gäbe es zum Beispiel keine Massentierhaltung und die damit verbundene furchtbare Tierquälerei.

Wer sich darauf beruft, dass auch unter Tieren das Prinzip von Fressen und Gefressen werden herrsche, vergleicht sich mit Raubtieren. Dieser Vergleich trifft insofern zu, als der Mensch selbst, auch wenn er sich teilweise durch Pflanzen ernährt, ein Raubtier ist. Andererseits gibt es einen wesentlichen Unterschied:  Die nichtmenschlichen Raubtiere müssen zu ihrem Überleben töten, der moderne Mensch hingegen tötet zu seinem Genuss!

Der Mensch versteht sich selbst, worin er vom Christentum noch bestärkt wird, als  „Krone der Schöpfung”. Doch was ist er in Wirklichkeit?

Biologisch gesehen, ist der Mensch ein Ergebnis der Evolution. Diese führte zu einer biologischen Art, nämlich dem Menschen, der andere Wesen nur zum Genuss oder sogar, wie bei der Jagd, aus Lust tötet. Für mich ist das ein Beispiel dafür, dass Evolution auch moralischen Abstieg, also Rückschritt bedeuten kann.

Für den bereits erwähnten Lebensphilosophen Arthur Schopenhauer gab es aber nicht nur das Fressen und Gefressen werden, sondern auch das Gegenteil: das Mitleid. Dieses Mitgefühl ist laut Schopenhauer die natürliche Basis aller Ethik und somit auch von Tierethik. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen aus ethischen Gründen zur vegetarischen oder, noch überzeugender, sogar zur veganen Lebensweise übergehen, ist, wie ich finde, ein Beweis, dass Fressen und  Gefressen werden wohl doch nicht das allein herrschende Naturprinzip ist.
hb

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Jagd – Triebbefriedigung oder Umweltschutz ?

„ Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf.“ Dieses Zitat, das von Theodor Heuss, dem ersten deutschen Bundespräsidenten, stammen soll, habe ich auf den Anti-Jagd-Demos, die vor einigen Jahren in Berlin stattfanden, besonders oft gehört und gelesen.

Selbstverständlich wenden sich die Jäger ganz entschieden dagegen, ihr „edles Waidwerk“ als „Mord“, als bloße Triebbefriedigung anzusehen. Im Gegenteil, sie behaupten Jagd sei Umweltschutz. Das mag vielleicht in einigen wenigen Fällen, in denen z. B. Förster durch Jagd „regulierend“ eingreifen, zutreffen. Doch ansonsten dürften Jäger eine ganz andere Motivation für ihr blutiges „Hobby“ haben:

Die Jagd gehört zu den ältesten Arten der menschlichen Nahrungsbeschaffung. In den frühen Sammler- und Jägerkulturen hatten die Menschen ein respektvolles Verhältnis zum Tier, und zwar auch dann, wenn sie zu ihrer Nahrung Tiere erlegten. Mussten sie ein Tier töten, so versuchten sie, durch religiöse Entsühnungszeremonien sich von ihrer Schuld zu reinigen, in denen sie z. B. die Schutzgötter der Tiere um Entschuldigung baten. 

Später hatten sie ein solches schlechtes Gewissen kaum noch. Eine der wichtigsten Gründe hierfür war das im Abendland seit dem frühen Mittelalter herrschende Christentum, welches im Tier mehr oder weniger nur ein seelenloses, von Gott zum Gebrauch des Menschen geschaffenes Wesen sah und mitunter auch heute noch sieht. Nun konnte der  Mensch seine Jagd religiös legitimiert und damit frei von irgendwelchen Skrupeln ausüben. Die Jagd diente immer weniger zum Nahrungserwerb und wurde  immer mehr zum Hobby, zum Zeitvertreib, und zwar erst für den privilegierten Adel und nach fortschreitender Demokratisierung auch für andere soziale Schichten.

Doch was treibt diese Menschen zur Jagd? Das Wort „treibt“ erklärt es eigentlich schon, nämlich ein Trieb : der Jagdtrieb. Dieser, Trieb, der in vielen Menschen zutiefst als Erbe aus archaischen Zeiten verwurzelt ist, will befriedigt werden! Für ihre Triebbefriedigung geben die Jäger viel Geld aus, wozu sie kaum bereit wären, wenn es allein um Umweltschutz ginge.

So ist der Umweltschutz – vielleicht von Ausnahmen abgesehen – nicht das wahre Motiv für die Jagd. Für die ethische Bewertung der Jagd kommt es jedoch auf das Motiv an. Wenn Tiere bei der Jagd getötet werden, ihnen großes Leid zugefügt wird, und zwar nur zur Triebbefriedigung der Jäger, so hat das mit Ethik und vor allem mit Tierethik nichts zu tun. Es ist das Gegenteil von Ethik. Keine Frage, die Jagdgegner haben vielleicht nicht immer das Gesetz, aber auf jeden Fall die Ethik auf ihrer Seite!
hb

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Holismus – Ganzheitslehre und Ethik

Wie der Mensch ist auch jedes Tier eine Ganzheit, die mehr ist als nur die Summe ihrer Teile. Diese Erkenntnis folgt aus dem Holismus ( griech. “to holon“, “das Ganze”). Die Ganzheitslehre wurde zwar in allen großen Epochen der Philosophiegeschichte vertreten, aber gerade in letzter Zeit hat der Holismus weit über die Grenzen akademischer Philosophie hinaus immer mehr Anhänger gewonnen. So z. B. verstehen  viele Aktive in der Umweltbewegung Welt und Natur als eine Ganzheit. Hieraus wird die Notwendigkeit hergeleitet, sie auch im Interesse  des Menschen zu schützen. Insofern bietet der Holismus zusätzliche Argumente für eine Ethik , die, wenn sie wirklich allumfassend ist, selbstverständlich auch Tierethik einschließt.

Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Lebewesen und Maschinen besteht darin, dass sie nicht wie Maschinen nur die Summe ihrer Teile sind. Dementsprechend können Tiere zwar zerlegt, aber nicht wieder zusammengefügt werden, denn niemanden ist es bisher gelungen, Totes wiederzubeleben. In diesem Zusammenhang sei an einen Spruch erinnert, der dem Philosophen und geistigen Wegbereiter für Tierrechte, Arthur Schopenhauer , zugeschrieben wird:
Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.

Warum können sie das nicht? Die Antwort darauf gibt der Holismus: Selbst der kleinste Käfer ist eine Ganzheit und somit mehr als die Summe seiner Körperteile. Andernfalls wäre er vergleichbar mit einer komplizierten Maschine wie sie etwa ein Uhrwerk darstellt..

Tiere waren für den von der Universitätsphilosophie hochgeschätzten Philosophen Descartes solche Maschinen. Damit unterschied er sich in seiner tierverachtenden Einstellung zwar in der Begründung, aber ansonsten kaum von der christlichen Kirche: Diese sah, gestützt auf die Bibel, in den Tieren lediglich seelenlose, zum menschlichen Ge- und Verbrauch bestimmte Geschöpfe, also bloß lebende Sachen. Schon deshalb ist der Holismus auch im Hinblick auf die Tierethik zweifellos ein Fortschritt.

Arthur Schopenhauer hat im Rahmen seiner Philosophie sehr entschieden gegen die Tierverachtung, wie sie etwa bei Descartes und im Christentum zum Ausdruck kommt, Stellung genommen. Obgleich Schopenhauer, genau genommen, keine holistische, sondern eine (ihr ähnliche) monistische Philosophie vertrat, ist es durchaus im Sinne des Holismus und der Tierethik, wenn er feststellte:
Die Welt ist kein Machwerk und die Tiere kein Fabrikat zu unserem  Gebrauch.
b

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Schopenhauer : Mitleid und Charakter

Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, dass man zuversichtlich behaupten darf, wer  gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.

Dieses Zitat ist aus Schopenhauers “Preisschrift über die Grundlage der Moral” (> E , S. 242). Arthur Schopenhauer begründet dort, und zwar für mich sehr überzeugend, warum wahre Ethik auf Mitleid beruht. Hierbei geht es nicht wie bei manchen anderen weltweit bekannten Philosophen nur um Menschen, sondern um eine Mitleidsethik, die auch Tiere berücksichtigt.

Aus obigem Zitat geht deutlich hervor, dass Mitleid engstens mit dem  Charakter des Menschen verbunden  ist.  Sind Menschen Tieren gegenüber mitleidlos, so ist das keine Äußerlichkeit, sondern ein schwerwiegender Charakterfehler. Kann dieser behoben werden, kann der Mensch sich bessern?

Schopenhauer war der Überzeugung, dass der Charakter angeboren und im wesentlichen nicht veränderbar sei. Ehe man, so meinte Schopenhauer,  durch die Erfahrung belehrt werde, glaube man “kindisch”, man könne durch “vernünftige Vorstellungen, durch Bitten und Flehen, durch Beispiel und Edelmut” einen Menschen dahin bringen, “dass er von seiner Art lasse, seine Handlungsweise ändere, von seiner Denkungsart abgehe” (> W I , S. 359). Wenn sich dennoch das Verhalten eines Menschen ändere, so beruhe das nicht auf eine Änderung seines Charakters, sondern auf dem, was Schopenhauer “Motive” nannte.

Solche Motive sind beispielsweise zu erwartende Vor- oder Nachteile, Belohnungen oder Strafen, die Menschen veranlassen können, dieses oder jenes zu tun oder zu unterlassen. Der mehr oder minder egoistische oder altruistische Charakter des Betreffenden bleibt dabei unverändert. Wenn etwa in Indien  heilige Kühe nicht geschlachtet werden, so muss das nicht immer nur auf Mitleid beruhen, sondern wohl auch auf dem Glauben der Hindus, dass die Tötung dieser Tiere schlechtes Karma erzeuge, was zu einer ungünstigen Wiedergeburt führe. 

Durch bittere Enttäuschungen, die ich gerade auch im Zusammenhang mit meiner Tierschutzarbeit erleben musste, habe ich mich im Laufe der Jahre dieser Auffassung Schopenhauers mehr und mehr angenähert. Heute weiß ich, wie wenig Sinn es hat und welche Zeitverschwendung es bedeutet, Menschen von der Notwendigkeit des Tierschutzes zu überzeugen, wenn diesen jegliches Mitgefühl für Tiere fehlt.

So beschränke ich mich darauf, Menschen anzusprechen, von denen ich den Eindruck habe, dass ihnen das  furchtbare Leid der Tiere nicht völlig gleichgültig ist. Dadurch kann ich zwar nicht den Charakter der Angesprochenen ändern, aber ich sehe dabei die durchaus realistische Chance, ihnen “Motive” im Sinne Schopenhauers nahe zu bringen, also sie durch Informationen zu motivieren, Tiere zu schützen. Die Existenz von Tierschutzvereinen und Tierheimen, die ihre Arbeit aus Spenden finanzieren, beweist: Es gibt Mitleid mit Tieren – leider immer noch zu wenig, aber immerhin so viel, dass Tieren geholfen wird.
b

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Ethik und das Recht des Stärkeren

Ist das Recht des Stärkeren mit Ethik vereinbar? Die meisten Menschen werden das wohl verneinen. Dennoch praktizieren sie alltäglich dieses  vermeintliche Recht des Stärkeren, nämlich dann, wenn sie zur Ernährung, Kleidung usw. Tiere benutzen oder verbrauchen. Oft geht es hierbei gar nicht um Lebensnotwendigkeiten, sondern einfach um mehr Lebensgenuss.

Dieses ethisch fragwürdige, ja verwerfliche Verhalten, lässt sich auch durch die Wissenschaft nicht überzeugend rechtfertigen, denn selbst dort zeigt sich immer deutlicher, dass es keine eindeutigen Grenzen zwischen Mensch und Tier gibt. In ihrem Fühlen und Denken kommen die Tiere dem Menschen erstaunlich nahe, mitunter sind sie ihm sogar überlegen. Was unterscheidet dann noch, abgesehen von Äußerlichkeiten, Mensch und  Tier? Diese Frage stellen sich zunehmend mehr Wissenschaftler und kommen dabei immer mehr zur Überzeugung, dass zwischen Mensch und Tier kein absoluter, sondern nur ein gradueller Unterschied besteht.

Anders hingegen die bei uns vorherrschenden Religionen: Nach deren  Dogmen hebt sich der Mensch als beseeltes Wesen grundsätzlich vom Tier ab. Das Tier ist mehr oder weniger nur eine belebte Sache, die von Gott dem Menschen, der „Krone der Schöpfung”, zum Ge- und Verbrauch zur Verfügung gestellt wurde. Damit wird die Ausbeutung der Tiere, einschließlich ihrer Tötung, gewissermaßen als göttlich verliehenes Recht  religiös legitimiert. Im Gegensatz hierzu sehen die aus Indien stammenden Religionen ( Jainismus , Buddhismus , Hinduismus / Upanishaden ) alles Leben grundsätzlich als göttlich oder, soweit sie atheistisch sind, als mit dem Menschen wesensgleich an.

Geistige Überlegenheit ist selbstverständlich kein Rechtfertigungsgrund, um andere Menschen auszubeuten, sie gesundheitlich zu schädigen oder zu  töten. Wenn es jedoch „nur” um Tiere geht, wird das, und zwar ebenso selbstverständlich, weithin akzeptiert. Im Grunde handelt es sich hier um eine durch und durch anthropozentrische, also letztlich egoistische „Moral“, bei der allein der Mensch das Maß aller Dinge ist. Dazu ein Beispiel, das ich für sehr aufschlussreich halte:

Mit gewaltigem finanziellen Aufwand wird in der Weltraumforschung nach außerirdischem, vor allem intelligentem  Leben gesucht. Sollte man dabei tatsächlich auf „Außerirdische” stoßen, die der Menschheit geistig und technisch überlegen sind, dann wird natürlich vorausgesetzt, dass man sich mit ihnen irgendwie arrangieren könne. Aber warum, so ist zu fragen, sollten sich diese überlegenen Wesen darauf einlassen und nicht, wie es die Menschen mit den Tieren tun, rücksichtslos vom Recht des Stärkeren Gebrauch machen?

Wenn mir solche Fragen durch den Kopf gehen und ich daran denke, wie skrupellos und gewalttätig die Menschen mit den ihnen unterworfenen, völlig hilflosen Tieren umgehen, dann fällt es mir schwer, noch an die vielgepriesene „Herrschaft des Rechts” zu glauben – es sei denn, man meint hiermit das Recht des Stärkeren.

Wahre Ethik kann nicht auf dem Recht des Stärkeren gegründet sein. Im Gegenteil, zu ihr gehört vor allem die Achtung vor dem Recht des Schwächeren. Die Schwächsten unserer Gesellschaft sind aber, weil gänzlich ohne Rechte, die Tiere. Ob sich hieran trotz aller Bemühungen engagierter Tierrechtler in absehbarer Zukunft etwas ändern wird, erscheint mir ziemlich ungewiss, denn dazu müsste sich die Einstellung in breiten Schichten der Bevölkerung  grundlegend wandeln. Arthur Schopenhauer , der wohl erste weltbedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich für Tierrechte einsetzte, schrieb schon vor mehr als 150 Jahren:

Erst, wenn jene einfache und über alle Zweifel erhabene Wahrheit, dass die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind wie wir, ins Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehen und demnach der bösen Laune und Grausamkeit jedes rohen Buben preisgegeben sein.
( Arthur Schopenhauer , P II , S. 403)
B

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Tierethik und Philosophie : Arthur Schopenhauer

Wenn ein Philosoph zum Thema Tierethik zu nennen ist, so ist es Arthur Schopenhauer, denn er war wohl der erste bedeutende westliche Philosoph der Neuzeit, welcher der Tierethik einen wichtigen Platz in seiner Philosophie einräumte. Ein Beispiel hierfür ist Schopenhauers Preisschrift über die Grundlage der Moral, die eine sehr tiefe Begründung für Ethik, und zwar ausdrücklich auch für Tierethik, enthält. Dort schreibt Schopenhauer :

“ Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder (das Mitleid)  bewährt sich als echte ferner dadurch, dass sie auch die  T i e r e  in ihren Schutz nimmt, für welche in den anderen Europäischen  Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“

Zu diesen von  Schopenhauer getadelten Moralsystemen gehört die abendländische  Philosophie. Seit Schopenhauer gewinnt jedoch die Tierethik in der westlichen Philosophie zunehmend an Bedeutung.  So gab kürzlich der Reclam-Verlag „Texte zur Tierethik “ heraus. Diese sehr lesenswerte Publikation, die von der „Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz “ gefördert wurde, enthält zahlreiche interessante Beiträge, die – so der Verlag – „einen repräsentativen Überblick über die gegenwärtige philosophische Debatte um die moralisch angemessene Behandlung von Tieren ” bieten.

Bereits in der Einleitung zu diesen Texten weist die Herausgeberin Ursula Wolf, Professorin für Philosophie, auf Arthur Schopenhauer und seine Mitleidsethik hin (S. 17 f.). Noch ausführlicher zu Schopenhauer ist der Beitrag von Josephine Donovan ( S. 105 ff.). Entsprechend seiner Überschrift „Aufmerksamkeit für das Leiden. Mitgefühl als Grundlage der moralischen Behandlung von Tieren “ wird Schopenhauers Tierethik anhand von Zitaten aus der oben erwähnten „Preisschrift“ erläutert. Dabei kommt auch, was Tierethik angeht, der fundamentale Gegensatz zwischen Schopenhauer einerseits und dem von ihm ansonsten hochgeschätzten Kant andererseits zum Ausdruck. Für Kant, aber auch für Hegel waren ja, wie an anderer Stelle der „Texte“ (S. 201) durch Zitate belegt wird, Tiere nur Sachen. Somit steht Schopenhauer mit seiner höchst positiven Tierethik den im Grunde tierherabsetzenden Auffassungen  von zwei der weltweit bedeutendsten Philosophen, nämlich Hegel und Kant, diametral gegenüber. Zwischen diesen Standpunkten liegt ein Abgrund, der wohl unüberbrückbar ist.

Die Textsammlung enthält auch einen Beitrag von Dieter Birnbacher, nämlich Lässt sich die Tötung von Tieren rechtfertigen? Arthur Schopenhauer ist darin (S. 212 ff.) nicht erwähnt. Das mag gerade bei diesem Verfasser etwas verwunderlich erscheinen, denn Birnbacher, Professor für Praktische Philosophie, veröffentlichte vor einiger Zeit in der Reclam-Reihe  „Grundwissen Philosophie “ eine Darstellung zu Schopenhauer und seiner Philosophie. Dort (S. 125 ff.) stellt Birnbacher fest:

“ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik …. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen. Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, …war bereits 1822 in England erlassen, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert.“

Hierzu weist Birnbacher darauf hin, dass die Grundlage von Schopenhauers Tierethik dieselbe wie bei Bentham sei, nämlich die Tatsache, dass Tiere und Menschen Schmerzen empfinden würden, und somit die Leidensfähigkeit die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier sei.

In diesem Zusammenhang bringt Birnbacher ein ziemlich verkürztes Schopenhauer-Zitat, das, wenn man es ausführlicher wiedergibt, zeigt, dass Schopenhauer die Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier metaphysisch begründete:

“ Man muss wahrlich an allen Sinnen blind …sein, um nicht zu erkennen, dass das Wesentliche und in der Hauptsache im Tiere und im Menschen das Selbe ist und das, was beide unterscheidet, nicht im Primären, im Prinzip, im Archäus (in der Urkraft), im innern Wesen, im Kern beider Erscheinungen liegt ..“ (Zitat aus Schopenhauers „Preisschrift über die Grundlage der Moral „).

So liegt laut Arthur Schopenhauer die Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier zutiefst in ihrem innern Wesen angelegt. Wäre Schopenhauer ein theistischer Philosoph gewesen, so hätte er wohl – wie etwa im Hinduismus oder in einigen vorchristlichen Religionen – Mensch und Tier als äußere Erscheinungsformen des Göttlichen angesehen. Schopenhauer sah jedoch die Welt nicht als göttlich an, sondern als Manifestation eines > metaphysischen Willens . Demnach sind Mensch und Tier letztlich metaphysisch miteinander verbunden. Hierzu verweist Schopenhauer auf die in den altindischen > Upanishaden enthaltene Erkenntnis des > Tat twam asi ( Einzelseele = Weltseele ). Ich glaube, ein tieferes Fundament für Tierethik kann es nicht geben.
b

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