Kant , Schopenhauer und die Tiere

Kant , so schrieb Arthur Schopenhauer,” ist ein großer Geist, dem die Menschheit unvergessliche Wahrheiten verdankt” und „vielleicht der originellste Kopf, den jemals die Natur hervorgebracht hat“. Seine Philosophie wäre „die wichtigste Lehre, welche seit 2000 Jahren aufgestellt worden” sei. Deshalb ist es verständlich, wenn das Hauptwerk von Kant, nämlich „Kritik der reinen Vernunft”, zu einer der Grundlagen für Schopenhauers Philosophie wurde. Doch das hinderte Schopenhauer keineswegs daran, dort, wo er es für notwendig hielt, Kant zu kritisieren, ja zu „rügen”. Ein Beispiel hierfür ist Kants Einstellung zu den Tieren, welche damit zusammenhängt, dass der Vernunft während der Aufklärung, also der Zeit Kants, besonderer Wert beigemessen wurde. Für Kant waren Tiere nur vernunftlose Wesen, mit denen man dehalb nach Belieben schalten und walten könne.

Ganz im Gegensatz hierzu stand Arthur Schopenhauer. Er war nicht nur  Tierfreund, sondern gab – als wohl erster weltbekannter westlicher Philosoph der Neuzeit –  in seiner Philosophie eine sehr tiefe Begründung, warum Mensch und Tier sich nicht absolut, sondern allenfalls nur relativ voneinander unterscheiden würden, ja dass sie im Grunde wesensgleich seien.

In seiner „Preisschrift über die Grundlage der Moral” wandte sich  Schopenhauer deutlich gegen Kants Ethik. Dessen Satz, „dass die vernunftlosen Wesen (also die Tiere) Sachen wären und daher auch bloß als Mittel, die nicht zugleich Zweck sind, behandelt werden dürften”, so Schopenhauer wörtlich, „beleidigt die echte Moral”.

Hierzu zitierte Schopenhauer aus Kants „Metaphysischen Anfangsgründen der Tugendlehre”, wo ausdrücklich gesagt sei: „Der Mensch kann keine Pflicht gegen irgend ein Wesen haben, als bloß gegen den Menschen” und „Die grausame Behandlung der Tiere ist der Pflicht des Menschen gegen sich selbst entgegen; weil sie das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abstumpft, wodurch eine der Moralität im Verhältnis zu andern Menschen sehr diensame, natürliche Anlage geschwächt wird.”

Schopenhauer kommentierte diese, jeden Tierfreund abstoßenden Äußerungen Kants sehr treffend: „Also bloß zur Übung soll man mit Tieren Mitleid haben, und sie sind gleichsam das pathologische Phantom zur Übung des Mitleids mit Menschen. Ich finde ,… solche Sätze empörend und abscheulich.”

Immanuel Kant starb 1804. Wenige Jahrzehnte danach entstanden in Deutschland die ersten Tierschutzvereine, die ihren Tierschutz oftmals mit einem anthropozentrischen Argument begründeten, das dem von  Kant ähnlich war. Arthur Schopenhauer, der die Gründung von Tierschutzvereinen sehr begrüßte und in einem von ihnen selbst Mitglied war, lehnte derartige anthropozentrische Argumente entschieden ab:

„Die Tierschutzgesellschaften, in ihren Ermahnungen, brauchen immer noch das schlechte Argument, dass Grausamkeit gegen Tiere zu Grausamkeit gegen Menschen führe; – als ob bloß der Mensch ein unmittelbarer Gegenstand der moralischen Pflicht wäre, das Tier bloß ein mittelbarer, an sich eine bloße Sache! Pfui!”

Schopenhauer verwies in diesem Zusammenhang auf Kants Einstellung Tieren gegenüber, so dass – was Tiere angeht – sein „Pfui” sich auch auf die Kantsche Ethik bezog. Hieran zeigt sich, dass Schopenhauers Tierliebe stärker war als die hohe Verehrung, die er ansonsten Kant und dessen Philosophie entgegenbrachte.  

Der „große Kant”, der „große Geist”, wie ihn Schopenhauer nannte, ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass großer Verstand nicht mit großem Mitgefühl, zumindest wenn es sich „nur” um Tiere handelt, verbunden sein muss. Bei Arthur Schopenhauer war beides – großer Scharfsinn und eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie mit Mensch und Tier, was in seiner Mitleidsethik, in der Tiere voll einbezogen sind, zum Ausdruck kommt. Seine Mitleidsethik ist eine wesentliche Ergänzung zu Kants Philosophie. Auch deshalb ist, wie ich meine, Schopenhauers Anspruch, Vollender der Kantschen Philosophie zu sein, auch im Hinblick auf die Tierethik nicht unberechtigt.
hb

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Tierethik und Philosophie : Arthur Schopenhauer

Wenn ein Philosoph zum Thema Tierethik zu nennen ist, so ist es Arthur Schopenhauer, denn er war wohl der erste bedeutende westliche Philosoph der Neuzeit, welcher der Tierethik einen wichtigen Platz in seiner Philosophie einräumte. Ein Beispiel hierfür ist Schopenhauers Preisschrift über die Grundlage der Moral, die eine sehr tiefe Begründung für Ethik, und zwar ausdrücklich auch für Tierethik, enthält. Dort schreibt Schopenhauer :

“ Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder (das Mitleid)  bewährt sich als echte ferner dadurch, dass sie auch die  T i e r e  in ihren Schutz nimmt, für welche in den anderen Europäischen  Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“

Zu diesen von  Schopenhauer getadelten Moralsystemen gehört die abendländische  Philosophie. Seit Schopenhauer gewinnt jedoch die Tierethik in der westlichen Philosophie zunehmend an Bedeutung.  So gab kürzlich der Reclam-Verlag „Texte zur Tierethik “ heraus. Diese sehr lesenswerte Publikation, die von der „Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz “ gefördert wurde, enthält zahlreiche interessante Beiträge, die – so der Verlag – „einen repräsentativen Überblick über die gegenwärtige philosophische Debatte um die moralisch angemessene Behandlung von Tieren ” bieten.

Bereits in der Einleitung zu diesen Texten weist die Herausgeberin Ursula Wolf, Professorin für Philosophie, auf Arthur Schopenhauer und seine Mitleidsethik hin (S. 17 f.). Noch ausführlicher zu Schopenhauer ist der Beitrag von Josephine Donovan ( S. 105 ff.). Entsprechend seiner Überschrift „Aufmerksamkeit für das Leiden. Mitgefühl als Grundlage der moralischen Behandlung von Tieren “ wird Schopenhauers Tierethik anhand von Zitaten aus der oben erwähnten „Preisschrift“ erläutert. Dabei kommt auch, was Tierethik angeht, der fundamentale Gegensatz zwischen Schopenhauer einerseits und dem von ihm ansonsten hochgeschätzten Kant andererseits zum Ausdruck. Für Kant, aber auch für Hegel waren ja, wie an anderer Stelle der „Texte“ (S. 201) durch Zitate belegt wird, Tiere nur Sachen. Somit steht Schopenhauer mit seiner höchst positiven Tierethik den im Grunde tierherabsetzenden Auffassungen  von zwei der weltweit bedeutendsten Philosophen, nämlich Hegel und Kant, diametral gegenüber. Zwischen diesen Standpunkten liegt ein Abgrund, der wohl unüberbrückbar ist.

Die Textsammlung enthält auch einen Beitrag von Dieter Birnbacher, nämlich Lässt sich die Tötung von Tieren rechtfertigen? Arthur Schopenhauer ist darin (S. 212 ff.) nicht erwähnt. Das mag gerade bei diesem Verfasser etwas verwunderlich erscheinen, denn Birnbacher, Professor für Praktische Philosophie, veröffentlichte vor einiger Zeit in der Reclam-Reihe  „Grundwissen Philosophie “ eine Darstellung zu Schopenhauer und seiner Philosophie. Dort (S. 125 ff.) stellt Birnbacher fest:

“ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik …. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen. Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, …war bereits 1822 in England erlassen, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert.“

Hierzu weist Birnbacher darauf hin, dass die Grundlage von Schopenhauers Tierethik dieselbe wie bei Bentham sei, nämlich die Tatsache, dass Tiere und Menschen Schmerzen empfinden würden, und somit die Leidensfähigkeit die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier sei.

In diesem Zusammenhang bringt Birnbacher ein ziemlich verkürztes Schopenhauer-Zitat, das, wenn man es ausführlicher wiedergibt, zeigt, dass Schopenhauer die Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier metaphysisch begründete:

“ Man muss wahrlich an allen Sinnen blind …sein, um nicht zu erkennen, dass das Wesentliche und in der Hauptsache im Tiere und im Menschen das Selbe ist und das, was beide unterscheidet, nicht im Primären, im Prinzip, im Archäus (in der Urkraft), im innern Wesen, im Kern beider Erscheinungen liegt ..“ (Zitat aus Schopenhauers „Preisschrift über die Grundlage der Moral „).

So liegt laut Arthur Schopenhauer die Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier zutiefst in ihrem innern Wesen angelegt. Wäre Schopenhauer ein theistischer Philosoph gewesen, so hätte er wohl – wie etwa im Hinduismus oder in einigen vorchristlichen Religionen – Mensch und Tier als äußere Erscheinungsformen des Göttlichen angesehen. Schopenhauer sah jedoch die Welt nicht als göttlich an, sondern als Manifestation eines > metaphysischen Willens . Demnach sind Mensch und Tier letztlich metaphysisch miteinander verbunden. Hierzu verweist Schopenhauer auf die in den altindischen > Upanishaden enthaltene Erkenntnis des > Tat twam asi ( Einzelseele = Weltseele ). Ich glaube, ein tieferes Fundament für Tierethik kann es nicht geben.
b

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